Lass liefern

17 Jan 2016

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Shoppen, Flirten, Essen – all das lässt sich übers Internet von zu Hause organisieren. Wollen wir draußen gar nichts mehr erleben? Von Corinna Budras

Manchmal sitzt Giuseppe Iozzolino spätabends nach der Arbeit im Taxi, zieht sein Smartphone aus der Tasche und organisiert sein Abendessen. Früher bestand das aus Pizza oder Döner, je nachdem, was so spät in seiner Nachbarschaft noch geöffnet hatte. Doch das hat er nicht mehr nötig. Statt in der Dunkelheit von Imbiss zu Imbiss zu ziehen, sucht er noch im Taxi auf der App von Foodora nach einem geeigneten Restaurant und ruft die Speisekarte auf. Dann bestellt er Fisch oder einen Salat, jedenfalls irgendetwas, was zu dem Wein passt, den er sich zu Hause aufmachen wird. Ganz so billig wie Pizza ist das natürlich nicht, ein komplettes Gericht kostet auch schon einmal mehr als 20 Euro. Restaurantpreise eben.

Giuseppe Iozzolino ist 33 Jahre alt, arbeitet für die Investmentbank Houlihan Lokey Leonardo in Frankfurt und bezeichnet sich selbst als „Foody“ – also als jemanden, der eine Schwäche für Nahrungsmittel hat und selbst gerne kocht. Aber das kostet Zeit, schon das Einkaufen dauert ewig, locker anderthalb Stunden braucht Iozzolino dafür. Und diese Zeit hat er allenfalls am Wochenende. Seine Arbeitstage sind lang, wie das in der Branche üblich ist. „Wenn man 80 Stunden die Woche arbeitet“, sagt er, „dann ist ein gefüllter Kühlschrank schon eine Herausforderung.“

Iozzolino dürfte deshalb genau die Zielgruppe repräsentieren, auf die gerade ziemlich viele App-Anbieter hoffen: Menschen, die das billige Junkfood herkömmlicher Fressbuden und Bringdienste leid sind, die an ihr Essen gehobene, wenn auch nicht übertriebene Ansprüchen stellen und auch bereit sind, einen angemessenen Preis dafür zu zahlen. Und die vor allen Dingen keine Zeit oder keine Lust haben, dafür selbst in die Küche oder ins Restaurant zu gehen.

Das Internet hat die Welt im Handumdrehen zum Schlaraffenland gemacht: Nur ein Mausklick, schon fliegen uns die gebratenen Tauben zu. Oder das neue Paar Schuhe. Oder die DVD. Der Online-Shop, egal in welcher Branche, ist rund um die Uhr geöffnet und von überall auf der Welt zu erreichen. „On-Demand-Economy“ heißt die neue Wirtschaftswelt im Jargon der Ökonomen, und für viele ist sie zur Selbstverständlichkeit geworden: Alles, was wir wollen, wird sofort geliefert.

Für das Essen aus dem Restaurant hat sich innerhalb kurzer Zeit eine ganze Branche entwickelt, die diesem Anspruch gerecht werden möchte: Die Unternehmen Lieferando und Lieferheld kämpfen erbittert um Marktanteile. Lieferheld gehört zu 40 Prozent der Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet der Samwer-Brüder. Das Unternehmen hat erst den deutschen Marktführer pizza.de gekauft, dann auch noch das Münchner Start-up Foodora, das inzwischen in 14 Ländern vor allem die gehobenen Restaurants unter Vertrag hat. Das Prinzip ist immer ähnlich: Lieferando, Lieferheld & Co. bieten die Internetplattform, auf der sich die Restaurants präsentieren können. Der Kunde sucht sich ein Restaurant aus, bestellt das Essen und zahlt dann elektronisch mit Kreditkarte oder dem Internet-Bezahldienst Paypal. Der Lieferdienst wird dann entweder noch vom Restaurant selbst erledigt oder – häufiger – von den Kurieren, die für Foodora etwa ganz in Schwarz und Rosa gekleidet mit dem Rad durch die Stadt düsen.

Bemerkenswert ist, dass sich der neue Service vor allem dort durchsetzt, wo er eigentlich am wenigsten gebraucht wird: in den großen Städten. Im Zentrum von Berlin, Frankfurt, Hamburg und München ist das gastronomische Angebot hervorragend, es besteht gar keine Notwendigkeit, sich die Gerichte nach Hause liefern zu lassen. Doch genau dort wohnen die meisten Kunden. „Es gibt einen gesellschaftlichen Trend zur Bequemlichkeit in den eigenen vier Wänden“, sagt Lieferheld-Sprecher Bodo von Braunmühl dazu. „Stress haben die Menschen schon genug, das brauchen sie nicht auch noch beim Essen.“ In einer immer stärker auf Optimierung getrimmten Welt werden auch traditionelle Verhaltensweisen auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft. „Einkaufen, Kochen, Abwaschen – da gibt es einige Ineffizienzen, die man beheben kann“, findet von Braunmühl. Und wer wollte das bestreiten?

Vielleicht war es deshalb nur eine Frage der Zeit, bis sich die für billige Pizza schon seit langem bewährte Lieferidee auch in anderen Bereichen des Lebens durchsetzte. Inzwischen lässt sich auch der Einkauf im Supermarkt problemlos vom Computer aus regeln. Ob Rewe, Edeka oder Amazon, die Liste der Anbieter wird immer länger. Und die Kunden lassen sich nicht mehr so eindeutig wie früher einem bestimmten gesellschaftlichen Milieu zuordnen. Die Pizza im Karton wurde häufig von Studenten und Azubis bestellt. Heute lässt sich dagegen auch der umweltbewusste Veganer seine Nahrungsmittel vom umstrittenen Internetwarenhaus Amazon liefern. Der Klick ins Internet erspart nicht nur den Weg zum Metzger, Bäcker und Gemüsehändler. Anbieter wie Hello Fresh, ebenfalls eine Samwer-Firma, schreiben sogar den Einkaufszettel für die von den Kunden ausgewählten Rezepte und liefern dann fertige „Kochboxen“ nach Haus.

Die Unternehmen profitieren davon, dass sich Wünsche und Ansprüche gewandelt haben: Jetzt muss das nach Hause gebrachte Essen gesund sein und möglichst bio, vollwertig und doch schmackhaft. Eben alles, was es früher oft nicht war. Der Mutterkonzern von Lieferheld, 2008 unter dem Namen Delivery Hero von dem Schweden Niklas Östberg gegründet, operiert inzwischen in 34 Ländern. 2500 Beschäftigte bearbeiten rund 12 Millionen Bestellungen im Monat, rund 200 000 Restaurants auf der ganzen Welt stehen unter Vertrag.

Die Gastronomen springen auf das Modell an, weil sich auch ihr Geschäftsmodell dadurch gewaltig vereinfacht: Früher mussten sie alle Aufgaben rund um den Lieferdienst selbst abdecken. Das war nicht sonderlich effizient, denn so einen Lieferdienst zu organisieren, ist keine Kleinigkeit: Es müssen Flyer gedruckt und verteilt werden, dann braucht man so etwas wie einen Kundenservice, der nicht nur die Bestellungen, sondern auch die Beschwerden entgegennimmt, dazu kommen auch noch die Fahrer oder Fahrradkuriere. Und das alles für eine Pizza für 5,70 Euro. Das hat nicht gerade viele Restaurantbetreiber gereizt, schon gar nicht die anspruchsvollen. Sie überließen das Geschäft lieber dem Imbiss um die Ecke, der mit seinen Neonröhren und der übersichtlichen Bestuhlung ohnehin den Geschäftsbetrieb auf den Lieferservice ausgerichtet hatte.

Dann kam das Internet und änderte alles. Genauer gesagt, es waren die App-Entwickler, die inzwischen für fast jedes erdenkliche Produkt und jede Dienstleistung ein spezielles Programm entwickelt haben. Es ist noch nicht lange her, da schien die Buchhandlung vor Ort die Einzige zu sein, die Bücher verkaufen konnte, der Beratung und des Stöberfaktors wegen. Dann kam Amazon und belehrte die Welt eines Besseren. Als Nächstes hieß es, Schuhe seien im Netz einfach unverkäuflich, schließlich müsse man fachmännisch beraten werden und Probe laufen können. Das sah Zalando anders – und ist damit erstaunlich erfolgreich.

Für Bücher, Schuhe und Kochboxen muss niemand mehr einen Fuß vor die Tür setzen. Und der Siegeszug der Liefergesellschaft geht noch weiter: Sogar die Partnersuche übernehmen mittlerweile Apps, am bekanntesten ist Tinder. Damit lassen sich problemlos Kandidaten identifizieren, die in der näheren Umgebung für eine Affäre oder gar so etwas Verbindliches wie eine Beziehung zur Verfügung stehen, sofern sie sich dafür registriert haben. Das erspart einen Haufen Sondierungsarbeit und minimiert das Risiko des Misserfolgs, die ersehnte Romanze oder der diskrete Seitensprung werden gewissermaßen frei Haus geliefert. Wie sagt es noch gleich Bodo von Braunmühl von Lieferheld? „Durch die Digitalisierung bekommen wir ein ganz neues Effizienzniveau.“

Bleiben nur noch zwei Fragen: Macht uns die neue Bequemlichkeit das Leben tatsächlich nur einfacher – oder macht sie uns in Wahrheit nicht sogar lebensunfähig, weil wir bald gar nicht mehr anders können, als immer nur auf „Bestellen“ zu klicken? Darüber streiten sich die Soziologen und Philosophen noch. Die andere Frage ist näher am Alltag: Was ist eigentlich aus der Erlebnisgesellschaft geworden? Waren wir nicht gerade noch furchtbar erpicht darauf, alles in Gemeinschaft zu erleben? Der Schuhkauf wurde zum Shopping-Erlebnis mit der besten Freundin und einem Latte macchiato.

„Ich war der festen Überzeugung, dass das Ereignis, der Einkaufsbummel, der Restaurantbesuch, eine eigene Qualität hat“, sagt die Soziologieprofessorin Eva Barlösius. Für das Ereignis nahm man auch den Mangel in Kauf: Die Enttäuschung, wenn man feststellte, dass es die Hose zwar in der richtigen Größe, aber nicht mehr in der richtigen Farbe gab. In der schönen neuen Lieferwelt kann das kaum mehr passieren. Die einzige Enttäuschung liegt jetzt darin, dass man auf seine Ware noch etwas warten muss, ein oder zwei Tage, selten länger. Aber Amazon arbeitet mit Hochdruck an der Lieferung binnen Tagesfrist. Längst bemisst sich die Qualität eines Wohnorts auch daran, ob sich in der Nähe eine Packstation befindet. Und das früher so viel gepriesene Erlebnis haben wir geräuschlos zugunsten des Komforts ausgetauscht.

Das hat Folgen für den Arbeitsmarkt: Schon mehr als 200 000 Menschen sind in Deutschland als Kurier-, Express- und Paketboten unterwegs, mit steil steigender Tendenz. Außerdem bringt der Boom die Infrastruktur an ihre Grenzen. Nicht nur, weil die Pakete selten geliefert werden, wenn der Adressat zu Hause ist, und deshalb der Nachbar einspringen muss. Dramatischer ist die Entwicklung für den Straßenverkehr in vielen Städten, der auch deshalb immer zäher wird, weil die Paketwagen kurzerhand in zweiter Reihe halten, wenn nur kurz ein, zwei oder inzwischen Dutzende von Paketen abzuliefern sind. In Frankreich sind einige große Städte schon dabei, ihre Stadtplanung genau darauf auszurichten. In Deutschland sucht man dagegen noch vergeblich nach ausgefeilten Konzepten, die Behörden sehen darin offenbar noch ein Randproblem.

Doch davon kann keine Rede sein. Die Liefergesellschaft hat unsere Städte schon fest im Griff. Der Investmentbanker Iozzolino aus Frankfurt ist da keine Ausnahme, sondern allenfalls ein besonders konsequenter Vertreter der neuen Begeisterung. Die hat ihn nach eigener Aussage eingefangen, als er zwei Monate auf seine neue Küche wartete. Inzwischen ist die neue Küche da, sie wird auch rege benutzt, aber an mindestens zwei oder drei Abenden die Woche bleibt der Herd kalt. Dann sorgt das Smartphone für das richtige Essen. „Das Kochen wird nicht aussterben“, sagt auch Bodo von Braunmühl, der Lieferheld-Sprecher. „Aber braucht wirklich noch jeder einen eigenen Herd?“ Schließlich verzichten in den Städten auch immer mehr Menschen auf das eigene Auto.

Den Service von Foodora, dem Bringdienst für Restaurantgerichte, nutzen inzwischen auch viele Arbeitgeber. Das sind meist internationale Unternehmen, die ihren Mitarbeitern einiges abverlangen und sie dann mit einem gemeinsamen Abendessen mit den Kollegen entschädigen. Die großzügige Spesenpauschale ist dann eine weitere Möglichkeit, um sich im Kampf um Talente von den Wettbewerbern abzusetzen. Viele Banken, Kanzleien und Unternehmensberatungen haben sich dafür entschieden und machen aus der Not eine Tugend: Ausgerechnet das gelieferte Essen, eben noch als Kennzeichen für die Vereinzelung vor dem Smartphone-Bildschirm empfunden, wird zum Social Event.

Zu einer Uhrzeit, zu der sich die meisten Arbeitnehmer auf dem Weg nach Hause befinden, planen Giuseppe Iozzolino und seine Kollegen auf der Foodora-Seite ihr Abendessen. Jeder sucht sich das Gericht seiner Wahl aus, dann organisiert einer von ihnen die Gruppenbestellung. Sobald das dampfende Essen in den Styroporbehältern geliefert wird, versammeln sich die Banker am Tisch. Eine halbe Stunde sitzt man gemeinsam und kehrt danach zu seinem Computer zurück. „Lieferheld macht das Leben jetzt sehr viel einfacher“, sagt Iozzolino. „Von denen bekommt man eine Rechnung, die perfekt finanzamtkompatibel ist.“

Die Begeisterung für den Lieferdienst heißt übrigens noch lange nicht, dass der Investmentbanker nicht mehr ins Restaurant gehen würde. Doch das, sagt er, sei dann ein besonderes Ereignis, am Wochenende und zusammen mit Freunden. Da ist es dann wieder: das Erlebnis.