Manchmal will man einfach nur faul sein

03 Sep 2014

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By Sophie Crocoll

Wer im Netz eine Pizza bestellt, landet (fast) automatisch bei ihm: Niklas Östberg von Delivery Hero ist nach der Übernahme von Pizza.de Tabellenführer in der Lieferanten-Liga. Jetzt stecken Investoren 350 Millionen Dollar in sein Geschäft.

Herr Östberg, Sie haben sich Mitte August mit einer gewissen Leichtigkeit Ihren deutschen Konkurrenten Pizza.de einverleibt. Das Geld sitzt wieder locker in Ihrer Gilde?

Wir wollen weiter wachsen und in alien Ländern, in denen wir aktiv sind, Marktführer werden. Dafür bekommen wir noch einmal neue Investorengelder: insgesamt 350 Millionen Dollar. Ein großer Teil davon stammt von bisherigen Geldgebern, neu dabei ist der schwedische Investor Vostok Nafta.

Im Januar und April hatten Sie schon über 170 Millionen Dollar eingesammelt. Haben Sie ein Loch in der Kasse, oder warum brauchen Sie schon wieder frisches Kapital?

Die aktuelle Finanzierungsrunde hat natürlich auch mit der Übernahme von Pizza.de zu tun. Aber wir haben zuvor schon zwei Firmen in Lateinamerika gekauft, die sehr erfolgreich sind. Was manche unterschätzen: Man braucht eine Menge Geld, um einen Internet-Bestelldienst für Essen aufzubauen. Für Technik, Mitarbeiter, Werbung – und das in 23 Ländern auf fünf Kontinenten.

Sie haben Ende 2013 zum ersten Mal kurz einen Gewinn verbucht. Jetzt schreiben Sie wieder
Verluste. Wie erklären Sie das Ihren Investoren
?

Der Wert, den wir unseren Investoren bieten, liegt in der Zukunft. Langfristig wollen wir natürlich
Gewinne machen.

Was heißt „langfristig”?

Wir planen in Zeiträumen von zehn bis 20 Jahren. Aber ich denke, die Gewinne werden 2015 zurückkommen. Wenn du eine sehr hohe Summe bekommst, musst du solide Zahlen zeigen. Niemand steckt irgendwo 350 Millionen rein, ohne ziemlich sicher zu sein, dass die Rendite stimmen wird.

Die Freude über die Berliner Gründerszene hat sich zu einer Art Begeisterungstaumel gesteigert. Ist dieser Hype eigentlich gerechtfertigt?

Ich würde das nicht Hype nennen. Es entstehen tolle Unternehmen: Zalando, Wooga, Researchgate, Soundcloud, das ist eine ganz wunderbare Firma. Natürlich auch Delivery Hero. Aber es stimmt: Da in Berlin die Start-up-Branche wächst, wird es einfacher, an Kapital zu kommen. Das bedeutet, dass auch Firmen profitieren, die anderswo kein Startkapital bekommen hätten. Aber das ist in San Francisco auch nicht anders.

Zalando und Rocket Internet sollen im Herbst an die Börse gehen. Wird Delivery Hero die Gunst der Stunde nutzen und ihnen folgen?

Wir wollen sicherstellen, dass wir Anfang oder Mitte 2015 an die Börse gehen können. Vorausgesetzt, dass wir darin dann einen Vorteil für das Unternehmen sehen. Die Investoren drängen uns nicht, wir machen das nur, wenn es uns hilft, unseren Dienst zu verbessern oder unsere Beziehung zu unseren Partnern zu stärken. Sonst warten wir lieber.

Worauf warten? Ob sich Rocket und Zalando mit steigenden Kursen bewähren?

Nein, darauf nicht. Wenn wir an die Börse gehen, werden wir das wohl in den USA tun. Aber natürlich ist es für die ganze Branche sehr gesund, wenn Rocket und Zalando zeigen, dass auch europäische Start-ups sehr stark sein können und nicht nur Firmen, die in den USA gegründet werden.

Was wollen Sie auf dem US-Aktienmarkt? Dort kennt Sie doch niemand.

Inzwischen kennt man uns. Uns hilft, dass wir in Lateinamerika und Asien stark sind, das wird dort anerkannt. Außerdem kommen einige unserer wichtigsten Investoren aus den USA. Ein Börsengang in den USA ist für ausländische Unternehmen auch nicht ungewöhnlich, Alibaba aus China wird jetzt dort an die Börse gehen.

Europa, Asien, Lateinamerika: Welches Essen wird wo am liebsten bestellt?

Die Skandinavier wollen Pizza bei vier von fünf Bestellungen. In allen Ländern haben die Menschen mit Pizza angefangen. Viele Deutsche entscheiden sich mittlerweile häufiger für Sushi oder Burger. In England hat sich das schon am deutlichsten verschoben: Die beliebtesten Gerichte dort stammen aus der indischen Küche. In Lateinamerika: noch Pizza. In Asien sind eher lokale Spezialitäten gefragt.

In welchen deutschen Städten läuft Ihr Geschäft am besten?

Über Pizza.de bestellen in Hamburg besonders viele Menschen, über Lieferheld in Berlin und München. Die größten Bestellungen pro Kopf kommen aber aus kleineren Städten.

Aus Braunschweig, wo Pizza.de sitzt?

Ich war überrascht, wie groß die Stadt ist! Ich bin Schwede, und Braunschweig ist etwa so groß wie die drittgrößte Stadt Schwedens. Wir wollen den Standort auch erhalten. In Braunschweig denken sie vielleicht etwas anders, aber das bereichert uns. Pizza.de ist technisch sehr weit, zum Beispiel, wenn es darum geht, den Fehler bei einer Bestellung zu finden.

Müssen sich kleine Restaurants Sorgen machen? Manche haben jetzt schon das Gefühl, Ihnen ausgeliefert zu sein.

Das sehe ich anders. Gerade kleine Restaurants sind oft sehr dankbar, dass sie weniger Geld für Werbung und ihren Internetauftritt aufwenden müssen. Das ist wie bei Google: Willst du wahrgenommen werden oder nicht? Wir bringen ihnen mehr Einsparungen, als wir sie kosten. Die Gebühren, die wir nehmen, sind meines Erachtens absolut fair bemessen.

Kochen ist in. Viele wollen Bioprodukte essen. Ist Ihr Schnellfuttermodell noch zeitgemäß?

Es wird immer Leute geben, die gern kochen und Spaß haben, es zu lernen. Sogar ich koche gerne. Aber nicht jeden Tag. Manchmal will man einfach faul sein. Wir sehen die Wünsche der Kunden und müssen versuchen, die Auswahl zu verändern: hin zu bio und gesunder Ernährung. Wir machen kein Restaurant auf und stehen nicht in der Küche, aber wir können die Industrie beeinflussen.

Was kochen Sie selbst denn so?

Das hätte ich nicht sagen sollen, ich bin ein furchtbarer Koch. Ich habe eine Handvoll Lieblingsrezepte, ich backe selbst gemachte Pizza. Die habe ich gestern erst für meine Nachbarn gemacht.