Unser Anspruch sollte es sein, das Google für Essensbestellungen zu werden

21 Jan 2013

 by

Der Schwede äußert sich über die Auseinandersetzungen mit Konkurrenten, über den Strafbefehl gegen ehemalige Manager und darüber, ob die Internationalisierung für sein Unternehmen zu schnell kam.

Herr Östberg, warum ist der Kampf unter den Bestellplattformen in Deutschland so hart?

Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht genau. Wir sind mit Lieferheld in zwölf Ländern aktiv, und diese Auseinandersetzungen gibt es nur in Deutschland. Auch in Großbritannien oder in der Schweiz gibt es starken Wettbewerb, aber in keinem der Märkte ist der Kampf so hart. Ich finde es persönlich sehr schade. Am Ende sollten sich doch alle Wettbewerber um den Kunden kümmern. Und derjenige, der die beste Plattform baut, sollte den Markt gewinnen.

Viele ihrer Wettbewerber halten Lieferheld für den bösen Buben.

Die Tatsache, dass wir in Deutschland sehr viel investiert haben, könnte die anderen Wettbewerber verärgert haben. Ich möchte nicht sagen, dass sie eifersüchtig sind, aber sie sind vielleicht ein wenig frustriert, dass wir unser Geschäft so schnell ausgebaut haben.

Es scheint, dass Sie und den Konkurrenten Lieferando ein besonders tiefer Graben trennt.

Interessanterweise haben wir einige Kontakte zu Lieferando, und auf der persönlichen Ebene kommen wir gut miteinander aus. Aber sobald es um den Wettbewerb geht, bricht der Kontakt ab. In der Berliner Start-up-Szene ist es generell so: Jeder, der heraussticht, indem er viel Wagniskapital einsammelt oder schnell wächst oder Gründerpreise gewinnt, wird von einigen Beobachtern mit viel Skepsis gesehen. Und mancher denkt eben, dass es unfair ist, wenn ein Spieler wie wir mehr finanzielle Möglichkeiten hat als andere.

Zuletzt sorgte Lieferheld mit einem Strafbefehl gegen frühere Manager Aufsehen. In der Anfangszeit des Geschäfts haben Sie einem Wettbewerber Daten gestohlen. Wie sehen Sie diesen Fehler heute?

Der Fehler liegt vor meiner Zeit, aber ich denke, dieser Fehltritt war ein Anfängerfehler. Wir sind in den Markt eingetreten und waren darauf aus, zu wachsen. Wenn das dein Ziel ist, denkst du drüber nach, wie du es so schnell wie möglich erreichst. Zu der Zeit hatte Lieferheld bestimmte Ratschläge bekommen, wie dieses Ziel erreichbar wäre. Und diese Ratschläge waren nicht sehr gut. Als das damalige Management das bemerkte, hat es versucht, es wieder zu ändern, aber es ging nicht schnell genug. Natürlich ist es nicht erlaubt, von einem Wettbewerber abzuschreiben und Speisekarten auf unserer Seite abzubilden. Wir hätten die Menüs sofort offline nehmen müssen. Für unseren Wettbewerber pizza.de ist daraus aber erst einmal kein großer Schaden entstanden, weil wir neu am Markt waren und wenige Bestellungen hatten.

Agieren Sie heute im legalen Rahmen?

Ja, klar. Das müssen wir auch. Wir sind jetzt viel, viel größer als damals. Und je größer man ist, desto vorsichtiger muss man sein. Wir haben zweibis dreistufige Kontrollverfahren, um sicherzugehen, dass wir die rechtlichen Rahmenbedingungen einhalten. Wir arbeiten in Deutschland mit mehr als 7000 Restaurants zusammen, was einen großen administrativen Aufwand verursacht. Da wir stark unter Beobachtung stehen, würde es schon beim kleinsten Fehltritt den nächsten Rechtsstreit geben.

Für Außenstehende wirkt eine Bestellplattform oft wie die andere. Wie schwierig ist es, mit einem so homogenen Produkt wie Essensbestellungen erfolgreich zu sein?

Viele Leute sehen von außen nur das homogene Produkt. Aber wir sehen das etwas anders. Es gibt eine Menge Unterschiede. Es ist ein bisschen wie auf dem Suchmaschinenmarkt mit Google und Yahoo. Beide liefern erst einmal nur Inhalt, aber am Ende wählen alle Google. Wir sehen die Onlinebestellung von Essen ähnlich. Was wir mit unserer Plattform versuchen, ist, eine bessere Suchfunktionalität zu bieten, um Kunden zu den für sie besten Restaurants zu bringen. Außerdem erhalten unsere Restaurants ein von uns entwickeltes Bestätigungsterminal, mit dem sie den Endkunden die genauen Lieferzeiten übermitteln können. Und es gibt noch eine ganze Menge Innovationspotential.

Lieferheld ist in zwei Jahren extrem schnell ins Ausland expandiert. Zu schnell?

Wir sind jetzt in zwölf Ländern aktiv, ich würde sagen, dass ich mit neun Märkten sehr zufrieden bin. Für zwei Märkte ist es noch zu früh, um eine Einschätzung abgeben zu können. Und mit einem Markt bin ich unglücklich.

Welcher Markt macht Sie unglücklich?

In Russland haben wir unser Modell nicht so ans Laufen gebracht, wie wir das eigentlich wollten. Wir haben es dort zwar geschafft, Kunden auf die Plattform zu bringen. Aber wir haben es nicht vermocht, sie immer wieder dorthin zu bringen. Wir haben gemerkt, dass wir den russischen Konsumenten und seine Bedürfnisse noch nicht gut genug verstehen. Daher haben wir auch entschieden, mit einem Wettbewerber in Russland zu fusionieren, der den Service jetzt für uns verbessert. Dazu kamen Probleme wie die ständigen Staus in Moskau und dass wir nicht genügend Bestellungen abgewickelt haben, um unseren Empfehlungsalgorithmus anwenden zu können, der dem Konsumenten sagt, welches Restaurant schneller oder leckereres Essen liefert. So haben wir Konsumenten Restaurants empfohlen, bei denen man vielleicht besser gar nicht hätte bestellen sollen.

Ist die schnelle Internationalisierung der einzige Weg, um als deutsches Internetunternehmen erfolgreich zu sein?

Ich denke, man kann unterschiedliche Wege gehen. Man kann auf seinem Heimatmarkt Deutschland eine starke Basis bauen und danach den Schritt ins Ausland machen. Das ist in gewisser Weise ein einfacherer Weg, weil er auch günstiger ist: Man muss nicht in mehreren Märkten viel Geld gleichzeitig investieren. Das ist auch ein Grund, aus dem wir so viel Geld von Investoren einsammeln müssen. Wir haben uns entschieden, schnell im Ausland zu wachsen, um den Anspruch zu erfüllen, der Marktführer zu sein.

Sie wachsen auch über Zukäufe, zuletzt haben Sie eatitnow.co.uk in Großbritannien akquiriert. Wie teuer ist so ein Zukauf inzwischen für Sie?

Ich kann keine genauen Angaben zum Preis machen. Am Ende kauft man etwas, um die Technologie voranzubringen oder um die Konsumentenbasis zu erweitern. In diesem Fall haben wir uns für das schnelle Wachstum entschieden. Unser Anspruch ist, auch in Großbritannien der Marktführer zu werden, und die Übernahme war ein Schritt, um unseren Kundenstamm zu vergrößern.

Was wird aus Lieferheld , wenn Sie trotz aller Anstrengungen nicht den Markt anführen werden?

Unser Anspruch sollte es sein, das Google für Essensbestellungen zu werden. Und das ist auch der Grund, warum wir so viel Fokus auf Technologie, Innovation und Service legen. Am Ende wird die beste Plattform gewinnen, auch wenn es mehrere geben wird. Doch die meisten Kunden werden sich eben nur für die beste entscheiden.

Für Sie als gebürtiger Schwede: Gilt für den Markt das alte Abba-Lied “The winner takes it all”?

Es wird Märkte geben, wo auch einige wenige Spieler gut leben können. Dafür sind auch die Präferenzen der Kunden zu verschieden, so dass man gar nicht in der Lage ist, die beste Plattform für jeden Nutzertyp zu bauen. Einige Konsumenten wollen es lieber einfach, andere wollen mehr Funktionalitäten. Deshalb wird es auch Platz für zwei oder drei Anbieter geben. Und Yahoo ist auch immer noch aktiv, auch wenn Google der Marktführer ist. Am Ende wird es einen Gewinner geben und bis zu zwei weitere Anbieter.

Die Fragen stellte Martin Gropp.

Angriffe auf einem heißen Markt

Auf dem Bestellplattformmarkt tummeln sich viele Anbieter, darunter die deutschen Gründungen Lieferando, Lieferheld und Pizza.de. Von den Niederlanden aus versucht Takeaway.com unter der Adresse Lieferservice.de einen größeren Fußabdruck auf dem deutschen Markt zu hinterlassen. Alle Anbieter verfolgen dasselbe Geschäftsmodell: Sie fassen auf ihren Internetseiten die Speisekarten von Restaurants aller Art zusammen und wickeln die Bestellungen ab. Für jede Bestellung erhalten die Plattformen eine Provision von bis zu 10 Prozent.

Unter den deutschen Anbietern ist die in Braunschweig ansässige Pizza.de GmbH am längsten auf dem Markt. Sie existiert seit sechs Jahren. Lieferando kam 2009 hinzu, Lieferheld 2010. Besonders zwischen diesen beiden entspinnen sich immer wieder rechtliche Auseinandersetzungen. Zuletzt warf Lieferando dem Konkurrenten Lieferheld im Frühjahr 2012 vor, mit computergesteuerten Massenabfragen die LieferandoServer überlastet zu haben. Lieferheld weist die Vorwürfe zurück und gibt an, selbst immer wieder mit sogenannten “Distributed Denial of Service”-Attacken zu tun zu haben. Solche Angriffe sorgen dafür, dass auf den Internetseiten keine Bestellungen mehr möglich sind. Im vergangenen Jahr kam es nach Unternehmensangaben im April sowie im August zu Angriffen dieser Art. Zeitweise überstieg demnach der schädliche Datenverkehr den normalen Verkehr um das Dreizehnfache.

Copyright 2013 PMG Presse-Monitor Deutschland GmbH und Co. KG